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Ateş-Veranstaltung: Keine doppelten Standards unter dem Deckmantel der Religion

Auf Einladung der Friedrich Naumann-Stiftung, der Karl-Harmann-Stiftung und der Medizinischen Hochschule Brandenburg diskutierten am 18. Juni die Berliner Anwältin und Moscheegründerin Seyran Ateş und die Medizinerin und FDP-Landtagskandidatin Dr. Gabriele Schare-Ruf in Neuruppin über Frauenbilder im Islam.

Nach einer Begrüßung durch den Dekan der Medizinischen Hochschule, Prof. Dr. med. P. Markus Deckert, stellte Moderator Dr. Sven Speer seine Gäste vor und fragte nach ihren prägendsten Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Islam. Seyran Ateş erzählte, wie sie 1968 als sechsjähriges Mädchen mit ihren Eltern aus der Türkei nach Berlin kam und damals weniger unter religiösem Druck aufwuchs, als unter dem Eindruck kulturell geprägter patriarchaler Strukturen. Sie erinnerte daran, dass weder ihre Mutter, noch die Frauen in der weitläufigen Familie ein Kopftuch trugen.

Doch seitdem habe sich vieles verändert: Die traditionellen Familienvorstellungen seien dem Einfluss des politischen Islam gewichen, der von Saudia-Arabien und Katar im Sinne des Wahhabismus massiv gefördert würde. Die Folge sei eine Verschlechterung der Lebenssituation vieler muslimscher Frauen in Deutschland, wie sie es selbst bei ihrem Engagement in Berliner Frauenhäusern erleben musste. Dort wurde sie 1984 bei einem Anschlag auf eine Beratungsstelle für Frauen verletzt, eine weitere Frau wurde getötet. Weil Ateş sich immer wieder unmissverständlich gegen die Unterdrückung der Frauen im Namen des Islam ausspricht, erhält sie regelmäßig Morddrohungen und steht seit Jahren unter ständigem Polizeischutz.

Dr. Gabriele Schare-Ruf berichtete von Ihren Erfahrungen als Hausärztin mit einer Praxis mit hohem Migrantenanteil. Sie hat mitbekommen, dass viele muslimische Mädchen und Frauen zurückhaltend und gehemmt waren, wohingegen die Jungen sich oft respektlos verhielten. Besonders das Schicksal ihrer Patientin Dilek, die sie ab deren ersten Lebensjahr kannte, ging ihr zu Herzen. Denn das aufgeweckte und kluge Kind, das erst nach Intervention der Ärztin bei den Eltern das Abitur ablegen durfte, wurde in den Sommerferien in der Türkei mit einem zwanzig Jahre älteren Mann zwangsverheiratet. Von da an war das einst so fröhliche Kind vollkommen gebrochen.

Ateş und Schare-Ruf beklagten gemeinsam, dass es bis heute nicht gelungen ist, Zwangsverheiratungen einzudämmen. Bereits 2003 hatte Seyran Ateş den Straftatbestand Zwangsheirat gefordert, woraufhin ihr von Grünen und Linke vorgeworfen wurde, sie würde Migranten kriminalisieren wollen. Erst 2011 wurde dieser unter anderem mit Unterstützung der FDP eingeführt.

Seyran Ates und Dr. Gabriele Schare-Ruf ©Oliver Numrich

Seyran Ates und Dr. Gabriele Schare-Ruf ©Oliver Numrich

Beide Frauen blicken aufgrund ihres beruflichen Zugangs als Anwältin bzw. Ärztin tief in die Lebenswirklichkeit vieler Migrantinnen. Dabei stoßen sie nicht selten auf feste Strukturen zur Unterdrückung von Frauen. Mit der Flüchtlingswelle von 2015 habe die Zahl der Kinderehen signifikant zugenommen, beklagt Ateş. Auch erlebe sie immer mehr Frömmigkeit bei Muslimen. Kurioserweise würden viele Menschen eine solche Haltung etwa bei Katholiken niemals zulassen: “Viele Linke und Grüne fordern vehement, dass alle christlichen Kreuze abgehängt werden müssen, und erklären gleichzeitig das Kopftuch zum Symbol der Freiheit.” Auch über das im Hinblick auf Muslime verschobene politische Koordinationssystem wundert sie sich: “Der türkische Präsident Erdogan steht doch viel weiter rechts als zum Beispiel die AFD oder die Identitären in Deutschland.”

Doch statt seinen Einfluss auf deutsche Muslime zu bekämpfen, versuche man in Deutschland, das Thema nicht anzusprechen, aus Angst, es könne rechtsradikalen Parteien nutzen. Immer wenn sie das Thema anspreche, hieße es gleich: “Die AFD nutze diese Argumente gegen Flüchtlinge.” Auch ein Zuhörer äußerte in der anschließenden Gesprächsrunde Bauschmerzen angesichts der negativen Gefühle, die durch das Bild entstünden, das die beiden Referentinnen gezeichnet haben.

Doch Ateş stellt klar: “Ich wünsche mir eine bunte Gesellschaft, wo jeder mit seinen transkulturellen Hintergründen frei leben kann. Aber es darf keine zwei Standards geben nach dem Motto: volle Gleichberechtigung für die Urdeutschen und für die muslimischen Migranten reichen auch weniger Rechte, das ist bei ihnen Kultur.” Auf den Hinweis eines anderen Teilnehmers, wonach auch das Christentum lange gebraucht habe, um die Gleichberechtigung etwa von Frauen und Homosexuellen anzuerkennen, antwortet Ateş, dass sie gegen das Patriarchat kämpft, egal wo es ihr begegnet. Allerdings sei der politische Islam zur Zeit unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit in Deutschland und Europa auf dem Vormarsch.

Es dürfe keinen “Kulturrabatt” geben, ergänzt Schare-Ruf. Im Gegenteil: Integration sei in erster Linie eine Bringschuld der Ankommenden. Deshalb fordert sie Integrationsvereinbarungen mit klarem Bekenntnis zu, Grundgesetz bei allen Einwandernden und darüber hinaus Integrationsvereinbarungen der Schulen mit muslimischen Eltern, in denen diese sich verpflichten, dass ihre Kinder immer am Schwimm- und Sportunterricht teilnehmen, kein Kopftuch bis zur Religionsmündigkeit tragen, nicht am Ramadan-Fasten teilnehmen und auf dem Schulhof stets Deutsch sprechen. “Die Sprache ist die wichtigste Grundlage, um die Menschen zu integrieren und vor der Isolation zu schützen”, sagt Schare-Ruf, “wer nicht deutsch lernt, muss mit finanziellen Sanktionen rechnen.” Nur so könne verhindert werden, dass Mädchen und Frauen unterdrückt und versteckt werden. Sie wünsche sich deshalb “Kinderärztinnen statt Kinderbräute”. Oliver Numrich

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21. Juni 2019

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